Dienstag, 16. Mai 2017

Das deutsche Jury-Paradoxon

© EBU
Die Diskussion um die Jurys beim Eurovision Song Contest ist mindestens so alt wie der ESC selbst. Bereits bei der ersten Austragung 1956 verzichtete Luxemburg auf eigene Juroren und bat stattdessen die schweizer Jury, für sie mit abzustimmen. Am Ende gewann die Schweiz.

Diese erste Veranstaltung war auch die einzige, bei der gar keine Ergebnisse in Punkten, nicht einmal in Plätzen, veröffentlicht wurden. Fest stand am Ende lediglich der Gewinner - und die Abstimmungszettel wurden sofort vernichtet. Seitdem zeigt sich die EBU aber immer transparenter. Seit 2014 kann man schließlich jedes Jahr direkt nach dem Finale sämtliche Einzelpunktvergaben aller Juroren und Zuschauer auf der Eurovision-Website abrufen.

Man kann nun sehen, dass sich die rumänische und moldawische Jury jedes Jahr gegenseitig geschlossen mit zwölf Punkten bedenken und dass die armenische und aserbaidschanische Jury einander so verabscheuen, dass sie nur den letzten Platz für die jeweils anderen übrig haben.

Das sind Politika. Das sind eindeutig nicht musikalisch geprägte Voten, die die EBU ahnden könnte, es aber nicht tut. Es sind eindeutige Argumente dafür, dass Mitarbeiter der Musikindustrie eben auch nicht immer unabhängiger als jeder gewöhnliche Zuschauer urteilen. Und dass das Hauptargument für die Jurys, nämlich die Ausbügelung des politischen Votings, vielleicht gar nicht so berechtigt ist.

Aber auch unsere deutsche Jury fasziniert mich seit 2014 jedes Jahr aufs Neue. Nicht, weil sie genauso eindeutig politisch abstimmen würde wie Armenien oder Rumänien, aber weil sie teilweise einfach verblüffend ähnlich abstimmt. Letztes Jahr wurde sie sogar "Europameister im Synchronabstimmen", wie Stefan Niggemeier es nannte. Und tatsächlich fällt einem jedes Jahr wieder die Übereinstimmung vor allem bei der Vergabe der zwölf Punkte auf:

Jahr 1. Platz Jury Juror A Juror B Juror C Juror D Juror E Platz TED
2014 Dänemark 1 1 1 1 1 10
2015 Lettland 1 1 1 1 1 12
2016 Israel 3 1 1 1 1 18
2017 Norwegen 3 3 1 1 1 20

(Legende der Juroren:
2014: A = Jennifer Weist, B = Madeline Juno, C = Konrad Sommermeyer, D = Sido, E = Andreas Bourani 
2015: A = Johannes Strate, B = Leslie Clio, C = Mark Forster, D = Ferris MC, E = Swen Meyer)  
2016: A = Namika, B = Hoss Power, C = Boss Burns, D = Sarah Connor, E = Anna Loos  
2017: A = Nicole, B = Joy Denalane, C = Adel Tawil, D = Wincent Weiss, E = Boogieman)

Das Prozedere der Jurys ist ja recht leicht erklärt: Die Juroren schauen die zweite Hauptprobe einen Tag vor dem Finale um 21 Uhr gemeinsam in einer nicht-öffentlichen Sitzung in Hamburg. Diese Sitzung wird von einem Notar beaufsichtigt, die Juroren dürfen sich nicht absprechen und auch nur in Begleitung auf die Toilette.

Und dennoch hat es die deutsche Jury nun das vierte Jahr in Folge geschafft, einen Song jeweils fast geschlossen auf den ersten Platz zu wählen, den das Publikum entweder nur mittelmäßig oder sogar schlecht fand. In Zahlen heißt das: Für die vier Songs, für die die deutschen Juroren in vier Jahren insgesamt 48 Punkte übrig hatten, vergab das deutsche Publikum genau einmal einen einzigen Punkt. Und es gab ja nie auch nur einen Juror, der den Beitrag, den die Mehrheit großartig fand, wenigstens etwas außerhalb der Medaillien platziert hatte. Ich finde das sehr auffällig.

Dieses Jahr war es besonders interessant: Nachdem die deutsche Jury als einzige dem norwegischen Song zwölf Punkte gegeben hat, fragte Barbara Schöneberger auf der Grand Prix Party nach den Gründen. Sofort sagte Jury-Präsidentin Nicole (die das Lied nur auf Platz 3 setzte), wie verdient das war, weil er ja so modern sei. Alle fünf waren sich auch ob dieser Begründung einig.

Ich persönlich kann mir einfach schwer vorstellen, dass solch ein Ergebnis vier Jahre in Folge komplett ohne Kommunikation zwischen den Juroren auskommt. Selbstverständlich möchte ich keinem der Juroren auch nur irgendetwas unterstellen. Das geht auch gar nicht, weil allein statistisch natürlich alles möglich ist. Nicht einmal eine Jury, die alle Beiträge exakt gleich bewertet, wäre ein Beweis für eine Absprache. Aber eine Jury, die die Musikindustrie eines Landes widerspiegeln soll, und dann viermal in Folge einem Song jeweils fast geschlossen zwölf Punkte gibt, den das Publikum so abweichend betrachtet, hinterlässt bei mir zumindest einen faden Beigeschmack.

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